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LESEPROBEN



DIE KINDER DER
MONDE PARALLÈLE


SHELTER FROM THE STORM





Kurz darauf bahnte sich eine Katastrophe an, die Kinder hatten Mäc Byte entdeckt. Stundenlang saßen sie mit dem Computer zusammen und klickten sich durch sämtliche Spiele, die er kannte. Wir bekamen nicht viel davon mit, denn wir waren tagsüber mit dem Garten, Muschelsuchen oder Fischen beschäftigt. Eines Tages klickte Naomi auf einen blauen Button. Mäc Byte war herausgefordert, öffnete das Internet und machte sofort seine Upn´ Downloads im Hintergrund. Er fühlte sich danach um 100 Jahre älter und begann unbekümmert und enthusiastisch den Kindern seine Sicht der Welt zu zeigen. Das World Wide Web stürmte ungebremst auf Naomi und Nemo ein: Eierwärmer; Urwaldbrände; Leprakranke; Comics; Werbung für Pelzmäntel; Robbenschlachten; Kriegsberichte; Tierbabys; Highways zu Knoten verschlungen bis zum Horizont; der kleinste Mann der Welt; gigantische Maschinen; Puppenkleider; zerfetzte Leichen; Schokoladenfabrik; Blinddarmoperation; Softeis; Massenpanik; Riesenrad; Liebespuppen; Froschhüpfwettbewerb; Hurrikane; Blasmusik; Schneckenrennen; Demonstrationen; Naturaufnahmen; Ölkatastrophe; Cinderella; überfüllte Strände; Hundefriseur; Politikerreden; Fernreisen; Zugunglück; Bubble-Tea; Fußpilzsprays; Sexseiten; Gartenzubehör; Tabellenkollonnen; Fingernägelschoner; verhungernde Kinder; Spielzeugroboter; Kriegsfilme; … Say yes!, Say No! Gefällt mir! Naomi und Nemo mussten sich übergeben und Mäc Byte war voll in seinem Element.
Als wir nach Hause kamen, saßen die Kinder kreidebleich und wie paralysiert, vor Mäc Byte. Ich schaltete ihn sofort ab. Erst nach einer Stunde waren Naomi und Nemo wieder ansprechbar. „Jason, was war denn das?“, fragte Nemo. „Das war ein World Wide Web Sturm“, erklärte ich ihm, „er ist sehr gefährlich, wer damit nicht umzugehen weiß, kann verblendet, einsam und unglücklich werden. In diesem virtuellen Sturm geschieht alles gleichzeitig: Das Schönste vom Schönen und das Schlimmste vom Schlimmen. Das Fröhlichste neben dem Fadesten. Wer sich damit nicht auskennt, wird vom Netz eingefangen und kommt nicht mehr los. Ihr seid noch viel zu jung, um so ein elektronisches Unwetter unbeschadet zu überstehen. Ich werde Euch später das Internet Stück für Stück öffnen. Und bis dahin ist Mäc Byte für euch Tabu.“

Am Abend entzündeten wir ein großes Lagerfeuer am Strand. Die Kinder umtanzten es mit lautstarkem Indianergeheul, bis sie müde wurden. Als sie schließlich nachdenklich in die blaugelben Flämmchen der Glut sahen, stiegen ihnen nochmals die Computerbilder wie Nebel ringsumher auf. Sie kuschelten sich an uns. „Gibt es etwas Schöneres als ein Feuer aus von Wasser und Wind geschliffenen Wurzeln und Ästen der Bäume?, fragte ich in die Nacht. Die Internetbilder, die ihr heute gesehen habt, sind zwar hell, aber kalt, hier im Feuer seht ihr lebendes, warmes, echtes Licht. Es zieht uns magisch an in seiner Unberührbarkeit. Es beschützt uns vor der Bilderflut des Tages, in ihm sind die ältesten aller Bilder, man kann sie nur mit dem Herzen sehen. Feuer muss kontrolliert abbrennen, sonst verbrennt man sich, das ist beim Internet dasselbe, man muss es gezielt nutzen, sonst wird man geblendet. Seht ihr, wie die weichen Formen des Holzes von den Flammen umarmt werden, sich die Wärme und das Licht daraus bildet?“, fragte ich. „Für unsere Lehrerin Frau Pauke, ist das nur eine Energietransformation“, meinte Naomi trocken und wir mussten alle befreiend lachen.

© by Philipp Heckmann