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LESEPROBEN


OUROBOROS











Der Mont Blanc beschloss einen Schneesturm talwärts zu schicken. Brausend stürzten schwarze Wolken über die Bergkämme, das Sonnenlicht erlosch und mit ihm die Schatten, das Tageslicht wandelte sich in eine gespenstische Dämmerung. Es blitzte und donnerte unablässig und der einsetzende Schneefall kam wie eine weiße Wand über den See. Wellen und Wind begannen mit den wenigen Schiffen die sich heute aus den Häfen gewagt hatten, ein unsportliches Spiel.

Inmitten des Unwetters kämpfte tapfer eine Personenfähre gegen die Naturgewalten an. Das Schiff schlingerte zwischen den ansteigenden Wogen und war kaum noch auf Kurs zu halten.

Es war Neujahrsmorgen und die wenigen Fahrgäste hatten sisch im Restaurant versammelt. Sie hielten sich krampfhaft an den Tischen fest und versuchten, mit dem immer heftiger werdenden Seegang im Gleichtakt zu schunkeln. Gemeinschaftlich wechselten Passagiere und Mannschaft ihre Gesichtsfarbe ins Gelbgrünliche. Das seitliche Schwanken des Bootes, ging schwerfällig mit einem senkrechten Auf und Ab einher, worauf einer nach dem anderen der Anweisung seines Magens folgte und sich taumelnd in Richtung der einzigen Toilette des Schiffes hangelte.

Inmitten der allgemeinen Übelkeit schlug ein Blitz mit ungeheurem Donnern in das Schiff ein und alle Lichter verlöschten augenblicklich. Die Notbeleuchtung schimmerte schwach und der Kapitän schrie dem kreidebleichen Steuermann zu, einen Notruf abzusetzen, dieser antwortete ihm daraufhin nicht mit Worten, sondern gab etwas anderes von sich. Die Diesel waren ausgefallen und auf der Fähre herrschte das totale Chaos. Navigierunfähig trieb sie im Sturm und wurde hin und her geschleudert.
Im ärgsten Durcheinander saß stillschweigend und unbeachtet eine hochschwangere junge Frau, die Wehen hatten eingesetzt und ihr Kind hatte sich entschlossen, genau in diesem Moment zur Welt zu kommen. Ihre Fruchtblase platze in einem Wellental, fünfzehn Kilometer südöstlich von Lausanne.

Das Kind sollte von den Umständen seiner Geburt nie etwas erfahren, denn als die Fähre evakuiert wurde und danach sank, hatte man das Baby im allgemeinen Tumult schlichtweg vergessen, es lag unter einem umgestürzten Tisch in einem Brotkorb und betrachtete gelassen und mit großen Augen die ersten schwankenden Eindrücke seines Lebens.

Stunden später trieb das Baby in seinem Brotkorb im Schilf. An diesem Morgen überprüfte Sepp, der blinde Fischer, gerade seine Fischreusen. Der Korb hatte sich zwischen seinen Leinen verheddert und Sepp hielt seinen Inhalt für einen kolossalen Fisch. Zwar fühlte er intuitiv, dass mit diesem Fisch etwas nicht stimmen konnte, er war zu trocken und roch auch strenger als normale Fische, doch dachte er sich nichts weiter dabei und brachte hocherfreut seinen Fang an Land.

Zwei Nonnen, die gerade am See ihre morgendlichen Aerobic Übungen zu Händels Halleluja beendet hatten, kamen herbeigelaufen und begutachteten Sepps Fangkörbe. Als sie das Kind sahen, begannen sie wild durcheinander zu schnattern und auf Sepp einzureden, doch selbst durch die besten Argumente ließ sich dieser nicht davon überzeugen, dass er keinen Fisch, sondern ein Baby gefangen hatte. Erst nach ausgiebiger Handelei und als sein Fang ordentlich bezahlt wurde, überließ er ihnen das Baby. Die Nonnen brachten den Kleinen, zusammen mit vier Rotaugen, drei Felchen und einem Saibling, in ihr nahegelegenes Kloster. Hierüber gibt es einen Eintrag in der Chronik der Abtei, darin wurden für den Neujahrstag ein neuer Brotkorb, einige Fische und ein Findling verzeichnet.

© by Philipp Heckmann