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LESEPROBEN


DIE KINDER DER
MONDE PARALLÈLE

DER IRRGARTEN








Immer wieder besprachen wir die Schulausbildung unserer Kinder. Sie auf eine Schule zu schicken hätte bedeutet, die Monde Parallèle zu verlassen. Bei dieser Vorstellung bekamen wir beide Bauchweh. Jasmin erinnerte sich an ihren eigenen schulischen Leidensweg und fragte mich: „Wie war eigentlich deine Schulzeit?“ „Frag lieber nicht, mir schleichen dabei verstaubte Erinnerungen an sinnlose Zeiten durch den Kopf. Unbedingt Versäumen war mein Hauptfach, ich sah mich damals gezwungen die Schule zu schwänzen, sonst wäre nichts aus mir geworden“, antwortete ich ihr. Wir waren ratlos. Mir kam die Idee Mäc Byte, meinen alten Computer zu aktivieren. Ich hatte noch ein Computerspiel, mit dem man eine Schulkariere bis zum Bachelor durcharbeiten konnte. Es war ein nüchternes Programm, vor allem die Lehrer waren sehr naturgetreu durchgearbeitet. Der Lehrplan lief neun Jahre in Echtzeit. Ich schlug es Jasmin vor. „Fragen wir erst einmal die Kinder, was sie davon halten“, entgegnete mir Jasmin und berief für den Abend den großen Familienrat zusammen. Die Kinder waren neugierig und sofort einverstanden.

Die erste Schulstunde begann um 07.30h des nächsten Tages, Naomi und Nemo standen freiwillig schon kurz vor Sonnenaufgang auf und weckten den Hahn mit Wolfsgeheul. Caruso fiel vor Schreck von seiner Hühnerleiter und vergaß zum ersten Mal in seinem Leben, den Weckappell auszukrähen. Die Kinder waren sichtlich aufgeregt, als der Bildschirm zu flackern begann und es zur ersten Stunde klingelte. Versteckt hinter einem Himbeerbaum beobachteten wir das Geschehen. Naomi und Nemo wurden von der Direktorin Fräulein Pauke, einer ältlichen Mittfünfzigerin im mausgrauen Reiherkostüm, begrüßt. Eine lange Rede mit kurzem Sinn erwartete sie. Lateinische und griechische Sprachstämme durchwanderten ein großes belehrend-mahnendes, durchaus gut gemeintes Blabla. Naomi und Nemo verstanden zwar nur Weltraumbahnhof, blieben dennoch höflich sitzen. Der dicht gedrängte Stundenplan wurde verlesen und es begannen die ersten Allgemeinbildungstests. Naomi und Nemo waren begeistert, sie konnten alles beantworten, selbst aus was Milchreis besteht, wussten sie auf Anhieb. Wir waren erleichtert und ließen die Kinder in der Obhut von Fräulein Pauke.

Die anfängliche Begeisterung nahm in den nächsten Wochen schnell ab. Den Weckappell besorgte bald wieder Caruso im Solo und es wurde langsam mühsam, Naomi und Nemo pünktlich zum Schulcomputer zu bringen. Naomi kaute in Zeitlupe an ihrem Frühstück und Nemo hatte immer etwas vergessen - meistens die Hausaufgaben von Naomi abzuschreiben. Es wurde ihnen fad, vor allem nachmittags beim Nachsitzen. „Jason wozu braucht man die Wurzel aus Pi?“ Keine Ahnung ich hab sie noch nie gebraucht, frag Fräulein Pauke, meine Antwort war nicht sehr befriedigend. „Die sagt, das sei ein Abstraktum, das muss jeder wissen.“ „Ah so? Ist die gescheit …“, mehr fiel mir auch nicht dazu ein. „Jasmin, was ist der Genitiv zum zweiten Futurum bei Morgengrauen?“ „Tja, äh, ich weiß es nicht, ehrlich gesagt, ich hab es noch nicht ausprobiert, frag doch Fräulein Pauke.“ Die sinnlose Fragerei fing an alle zu nerven und die gute Laune schwand dahin.

„Ich komm mir vor wie in einem Labyrinth“, sagte Nemo zu Naomi. „Fräulein Pauke setzt mich irgendwo mitten rein und ich soll den Ausgang finden, bin doch keine Versuchsmaus. Von Jason und Jasmin lerne ich immer etwas, dass ich auch brauchen kann, mit den Zehen schnipsen, Milchreis kochen, fischen oder den Purzelbaum im Präsens. Was von Fräulein Pauke kommt, hab ich noch nie gebraucht. Sie kann mir auch nicht erklären, warum ich diesen Pipin den Kurzen eigentlich kennen soll. Mir raucht der Kopf vor lauter Grammatik, Algebra und Historia Austria.“ Naomi seufzte und stimmte Nemo bei. „Stimmt, auf die Frage, wann die Monde Parallèle begann, wusste mir Fräulein Pauke auch keine Antwort. Sie hat in ihren Damenbart genuschelt und dann irgendwas von „und es ward Licht“ gesagt. Das war selbst Mäc Byte zu viel, er ist danach sofort abgestürzt. Ich wollte wissen, warum Katzen sprechen können, doch stattdessen erzählt sie mir vom Unpaarzeher und den Bienchen. Mir ist jeden Morgen schlecht, wenn ich nur an sie denke. Sie verfolgt mich schon im Traum und hämmert mit ihrem Zeigestock auf meinem Kopf herum. Es wird Zeit das wir handeln, wir müssen den großen Familienrat einberufen.“

Wir waren nicht sonderlich überrascht, als wir die Klagen der Kinder hörten, und nahmen die schulische Ausbildung wieder selbst in die Hand. Fräulein Pauke verschwand mitsamt ihrer Schule von meiner Festplatte. Nach mündlicher Absprache mit meinem Allwiss-Lexikon, übergab ich es den Kindern in einer Feierstunde. Allwiss war sehr stolz auf seine neue pädagogische Aufgabe und gab freudig, immer mit interessanten Querverweisen, Auskunft. Die Drei wurden die besten Freunde.

© by Philipp Heckmann